Ultratrail du Montblanc (UTMB) 170km/10000 hm

27936011Drei Wochen sind schon vergangen seit dem UTMB.  Intensiv waren die Emotionen, extrem die Hochs und Tiefs, magisch die Nächte mit der riesigen Vollmondkugel in der wunderschönen Bergwelt… Das Erlebte hat sich sich tief in meinem Innern eingeprägt!

Der Ultratrail du Mont Blanc gilt unter den Trailläufern als „Mutter aller Bergläufe“! Um sich beim UTMB anzumelden, benötigt man mindestens 9 UTMB-Punkte aus drei grossen Rennen. Zudem bewerben sich für die 2300 Startplätze meistens dreimal soviele Trailläufer. Das Losglück entscheidet letztendlich wer teilnehmen darf. Von den Teilenehmenden werden allerdings nur ca. 60% das Ziel erreichen, zu gross sind die Strapazen, die auf die erfahrenen und gut trainierten Läufer warten.

Der Start des UTMB fand wie immer in der letzten Augustwoche am Freitagabend um 18.00 Uhr in der Stadtmitte von Chamonix statt. Über 2300 Läufer und Läuferinnen aus allen Teilen der Welt standen dicht an dicht aufgestellt und warteten geduldig. Die Stimmung war einzigartig! Noch nie habe ich eine vergleichbare Stimmung am Start erlebt. Endlich ist er da,der Moment worauf du Monate der Vorbereitung und Jahre des Trainings absolviert hast. Alle sind sich bewusst was sie vor sich haben: 2 Nächte ohne Schlaf, nur Rennen…keine(r) weiss mit letzter Sicherheit, ob er/sie das Ziel erreichen wird.

Aus den Lautsprechern eschallen laut die Klänge von „Conquest of Pradise“, was die Emotionen überschlagen lässt. Dann der Start, tausende Zuschauersäumen die schmalen Gassen von Chamonix und jubeln den Läufern zu. Am Anfang  geht es nur schleppend vorwärts, immer wieder staut sich die grosse Läuferschar. Obschon es bereits Abend ist, sind die Temperaturen immer noch sehr hoch. Überhaupt meint Petrus es gut mit uns, es ist Traumwetter angesagt mit 2 Vollmondnächten!

Die ersten 8 Kilometer verliefen fast flach. Ich fand rasch ein gutes Tempo und kam zügig voran. Auch in den Dörfern ausserhalb von Chamonix war die Stimmung extrem! Viele Leute waren vor Ort und feuerten uns an: „Bravo des filles“ hörte ich immer und immer wieder, Autos hupen, einfach toll, welche Unterstützung wir an der Strecke erfahren durften!

Nach 6 Stunden Laufzeit fühlte ich mich blendend. Ich genoss es in die Nacht zu laufen und somit auch in angenehmere kühlere Temperaturen. Der Vollmond leuchtete so hell, es war einfach wundervoll! An einer Verpflegungsstelle nahm ich mein mitgebrachtes Ultrapro-pulver von Sponser  zu mir. Es sollte den Kalorienbedarf für einige Stunden abdeckten. Kurz danach wurde mir jedoch elend schlecht! Ich kämpfte mich weiter, konnte über Stunden ausser Wasser und Cola nichts anderes mehr zu mir nehmen. Verflogen war die Euphorie das Glücksgefühl. Ich konzentrierte mich nur noch darauf, mich nicht zu übergeben. War‘s das jetzt? Muss ich jetzt aufgeben? Wie soll ich denn diesen Lauf durchstehen, mit Übelkeit und ohne Essen? Ich war verzweifelt und bereits enttäuscht. Ich versuchte mich von der Übelkeit abzulenken, bewunderte die unglaublich schöne Vollmondnacht in der einzigartigen Bergwelt. Vor mir sah man die zahlreichen Stirnlampen wie Glühwürmchen den Berg hoch leuchten, eine unendlich lange Lichterkette.

Mit dem Morgengrauen verging langsam meine Übelkeit und ich versuchte wieder etwas zu essen. Süsses durfte ich nicht mal anschauen, ich hielt mich an Salziges vorallem Bouillon mit etwas Nuden, dazu trank ich Cola und Wasser.

In Courmayeur bei Kilometer 78 gab es eine grosse Verpflegungsstation. Hier konnte man seine am Start aufgegebenen Läufersäcke in Empfang nehmen und sich umziehen. Ich nahm mir etwas Zeit und ass einen Teller Pasta. Frisch gestärkt ging es weiter bergauf zur Refuge Bonatti. Bei den Aufstiegen kam ich trotz der aufkommenden Hitze recht zügig voran. Allerdings begannen meine Oberschenkel bei den flacheren und absteigenden Passagen zu schmerzen. Die Muskeln waren völlig hart und ich kam gefühlsmässig nicht von der Stelle. Hinzu kam eine Druckstelle am linken Fuss, bei jedem Schritt wurde ich von einem stechenden Schmerz gepeinigt. Mehrmals hielt ich an und versuchte die Socke zu verschieben, damit es nicht immer auf die selbe Stelle drückt. Ich verlor dadurch viel Zeit und wurde von vielen Läufern überholt. Ich quälte mich bis zur nächsten Verpflegung nach Arnuva und liess mir dort die Beine massieren. Was für eine Wohltat!

Mit frischen und gelockerten Beinen galt es nun, den Grand Col Ferret – der höchste Pass des Rennens an der schweizer Grenze – zu überwinden. Die Hitze bei Tage war kaum noch zu ertragen. Die Wege waren total der Sonne ausgesetzt. Völlig entkräftet schleppte ich mich den Berg hoch. Die nächste Krise! „Wie soll das so weitergehen?“ schoss es mir durch den Kopf, „du hast noch ganze 70 Km vor dir!“ Ich versuchte die negativen Gedanken wegzuschieben und nahm mir die nächste Verpflegungsstation als nächstes Ziel vor. Der nachfolgende Abstieg führte zum Örtchen la Fouly. Kurz eine Boullion mit Nudeln essen, Cola und Wasser auffüllen und weiter gings.

Ich begann vorsichtig loszurennen und versuchte aus meinem schleppenden Ultralaufgeschlurfe rauszukommen. Am Anfang schmerzte die Muskulatur der Oberschenkel, jedoch bemerkte ich, ob ich schlurfe oder renne, es machte keinen Unterschied. Vielleicht beflügelte mich auch der Gedanke, dass Peter (mein Ehemann) in Champex auf mich wartete. In der Zwischenzeit war es Abend geworden und die Temperaturen wurden auch wieder angenehmer. Jedenfalls konnte ich wieder richtig rennen! Während ich mich die vergangenen Stunden mühsam  vor mich hingeschleppt hatte, erfüllte sich mein Körper mit neuer Lebensenergie. Ich konnte wieder richtig Tempo machen, die Müdigkeit war wie weggeblasen und zusammen mit einem deutschen Läufer konnten wir die nachfolgenden 14 Kilometer bis Champex  einander gegenseitig ziehen und dabei sehr viele Läufer überholen. Das baute mich psychisch unglaublich auf und ich befand mich in einem absoluten Läuferhigh.

In Champex (Kilometer 122) wartete Peter auf mich. Dort angekommen, war ich wieder voller Tatendrang und wollte keine lange Pause machen. Nach der Verpflegung ging es in die zweite Nacht, zunächst auf relativ flachen Strassen bis zum Einstieg in den Pass Bovine. Dann folgte ein sehr schwieriger Anstieg, es waren ständig riesige Felsbrocken zu übersteigen. So langsam liessen die Kräfte wieder nach und der Schlafmangel machte sich bemerkbar, ich war so müde! Es bestand nun die Gefahr, förmlich beim Laufen einzuschlafen. Das Läuferfeld hatte sich nun schon sehr weit auseinander gedehnt und ich war deshalb beim langen und schwierigen Abstieg nach Trient oft alleine unterwegs. Ich begann mich zu Ohrfeigen, damit ich wach blieb und sang laut vor mich hin. „Du musst in Trient schlafen das wird sonst zu gefährlich“ schoss es mir durch den Kopf.  Aus Angst jedoch, dort in eine Art Komaschlaf zu fallen und danach nicht mehr wirklich laufen zu können, entschloss ich mich in Trient, wider der Natur nicht zu schlafen. An den folgenden Verpflegungsstationen hielt ich mich nur noch kurz auf, wollte nun so schnell wie möglich nach Chamonix. Ich löste mich auch von einer Gruppe von Läufern, jetzt musste ich einfach mein Tempo gehen, es zog mich förmlich ans Ziel.

Der letzte Anstieg zum „Tete aux Vents“ verlangte nochmals alles ab. Von Müdigkeit gepeinigt und mit letzter Kraft kraxelte ich die letzten Höhenmeter hinauf. Oben angekommen kündigte sich der nächste Morgen an. Eine unbeschreiblich schöne Stimmung erwartete uns da oben!

Von der Müdigkeit war nun nichts mehr zu spüren, da die Ziellinie zum Greifen nah war. Jetzt ging es nur noch bergab, zuerst auf verwurzelten und mit Steinen übersäten Trails, später auf Forstwegen. Ich konnte nochmals meine letzten Kräfte mobilisieren und eine regelrechte Energie freisetzten, so dass ich noch zahlreiche Läufer überholen konnte. Endlich war der Zielort Chamonix zu sehen,dessen Ortsrand ich schon bald erreichte. Es folgte der lange und wunderbare Zieleinlauf nach 38 Stunden 09 Minuten.

 

Cornelia Hauser

 

 

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