Tag 0 vor unserem ersten Einsatz

Nachdem wir vor vier Jahren bei der Leichtathletik Europameisterschaften in Zürich im Einsatz standen, haben wir uns über Internet wieder als Helfer bzw. auf gut Deutsch als Volunteers für Berlin 2018 angemeldet. Nach einem Online – Test erhielten meine Schwester und ich die Zusage für einen Einsatz an der Leichtathletik EM in Berlin.

Bereits vor einigen Wochen wurde uns Volunteers der Einsatzplan zugestellt. Bei mir steht am 6. August von 12.00 h bis 18.30 h Zuschauerbetreuung Olympiastadion Eingang Ost. Ich versuchte mir auszumalen, was auf mich zukommen könnte. Vor dem grossen Olympiastadion treffen die Zuschauer ein. Vermutlich muss ich die Eingangstickets kontrollieren, die Besucher zu den richtigen Eingängen weisen und – wie es im Handbuch steht – immer freundlich lächeln und jede Frage positiv beantworten. Ich bin gespannt, was mich effektiv erwartet.

Bereits beim Abflug in Zürich haben wir die ersten Athleten aus der Schweiz getroffen. Sie sind mit dem gleichen Flugzeug nach Berlin gereist. Ein kurzes Gespräch hat mir gezeigt, dass sie mindestens ebenso gespannt sind auf ihren Einsatz wie wir.

Gleich nach der Ankunft in Berlin gingen wir zum Volunteer – Checkpoint um unsere Uniformen zu fassen. Nach einem kurzen Einchecken erhielten wir unseren Helferbadg und ein Sack voll Kleider. Dieser enthielt drei T-Shirts, drei Paar Socken, Schuhe, Regenjacke, Fliesjacke, lange Hosen, Mütze, ein Getränk, zahlreiche Geschenke von Sponsoren und das Volunteer – Handbuch. Alles war bereits fein säuberlich im Plastikbeutel vorbereitet. Entgegen unseren Erwartungen mussten wir nicht in langen Kolonnen anstehen. Die Helfer im Volunteer – Center erwarteten uns und nahmen sich Zeit für die Übergabe der Helferutensilien.

Mit dem Taxi liessen wir uns durch Berlin zu unserem gemieteten Studio führen. Meine Schwester hat alles organisiert und reserviert. Für diese Woche können wir uns in einer 3-Zimmerwohnung im Stadtkreis Charlottenburg einrichten. Am Abend suchten wir uns die nächste U-Bahnstation, damit wir am nächsten Morgen gleich losfahren können zu unserem ersten Einsatz.

Tagebuch Berlin 2018; Jakob Etter

Tag 2; Einsatz bei 37°C

Bereits vor 06.00 Uhr riss mich der Wecker aus dem Schlaf. Wir sind heute zur Frühschicht eingeteilt. Diese beginnt m 07.30 Uhr vor dem Olympia – Stadion. Nach einem kurzen Frühstück geht es mit der S-Bahn hinaus zum Stadion. Im Volunteer – Center müssen wir uns anmelden. Dort gibt es auch noch Kaffee, kalte Getränke und Äpfel als Zwischenverpflegung.

Beim Blick auf mein Handy heute Morgen konnte ich eine positive Meldung vom Volunteer – Center lesen. Im Gegensatz zu den allgemeinen Bekleidungsvorschriften sind ab sofort kurze, schwarze Hosen erlaubt. Allerdings müssen allfällige andere Labels als das vom Hauptsponsor abgeklebt werden. Glücklicherweise habe ich mir ein Paar schwarze Laufhosen eingepackt. Damit ist die Hitze etwas erträglicher.

Mein Job als Speaker mit dem Megaphon vor dem Stadion zur Begrüssung der Besucher ist offensichtlich nicht sehr beliebt. Niemand aus meiner Gruppe reisst sich um diesen Job. Somit mache ich das auch heute wieder. Die Frühschicht dauert bis 13.30 Uhr mit 30 Minuten Pause. Die Glutofenhitze auf dem Asphalt ohne Schatten ist die grösste Herausforderung für alle. Auch die „kalten“ Getränke haben in der Zwischenzeit die Umgebungstemperatur angenommen.

Bei der Begrüssung vor dem Stadion kommt es öfters zu interessanten Begegnungen. Eines der ersten Teams am Morgen ist immer die Equipe des Schweizerfernsehens, oder die Delegation von Swiss Athletics mit dem Präsidenten und dem Geschäftsführer. Zahlreiche weitere Vertreter von Landesverbänden, ganze Sportclubs oder Fanclubs von Athleten reisen mit Fahnen und bedruckten T-Shirts an. Als Überraschung versuche ich diese Gruppen persönlich zu begrüssen.

Als Volunteer können wir alle ÖVs in der Stadt kostenlos benutzen oder haben ausserhalb unserer Einsätze freien Eintritt zu allen Leichtathletikwettbewerben im Stadion. Für die Volunteers sind extra zwei Sektoren reserviert.

Tagebuch Berlin 2018; Jakob Etter

Tag 4; Neuer Tag, neuer Job

Nachdem ich meine Einsätze während drei Tagen an der sengenden Sonne vor dem Stadion geleistet habe, sieht mein Programm für die nächsten zwei Tage ganz anders aus. Die Schichten beginnen am Nachmittag um 17.00 Uhr und dauern bis am späten Abend um 22.30 Uhr. So können wir während dem Tag die Stadt geniessen, Am Kudamm shoppen, den Potsdamerplatz bestaunen, das Schloss Charlottenburg mit den riesigen Parkanlagen besuchen und der Spree entlang spazieren.

Um 16.30 Uhr melden wir uns im Volunteer – Centre zu unserer Schicht. Ich bin bei einem neuen Teamleader eingeteilt und kann im Stadion innen auf der Tribüne arbeiten. Meine Aufgabe besteht darin, den Zuschauern die richten Sektoren und die gebuchte Sitzreihe anzubieten. Zu Beginn der Abendsession strömen die Besucher in Scharen ins Stadion. Immerhin sind jeden Abend zwischen 35‘000 bis 40‘000 Zuschauer auf den Rängen. Mit einem Auge kann ich die Wettkämpfe live verfolgen und bekomme mit, was im Stadion läuft. Nach etwa zwei Stunden sind die meisten Zuschauer auf ihren Plätzen und unsere Aufgabe ist weitgehend erfüllt. Somit können wir uns einen freien Platz aussuchen und während des restlichen Abends in Ruhe die Wettkämpfe verfolgen. So bin in nahe dabei, als Alex Wilson für die Schweiz die erste Medaille im 200 m – Lauf holt. Das ist für die zahlreich erschienen Schweizerzuschauer auf den Tribünen ein emotionaler Moment.

Meine Schwester hat am Abend einer der anspruchsvollsten Jobs. Sie ist als Aufseherin beim Kinderwagenparkplatz eingesetzt. (auch das gibt es an der LA EM 2018). Während der Abendsession gibt es dort kaum viel Arbeit. Plötzlich erscheint auf dem Volunteer – App eine Sturmwarnung für 22.00 Uhr. Mit den letzten Wettkämpfen im Stadion setzt ein Gewitter mit Regen und starken Sturmböen ein. Mit grösster Anstrengung müssen sie mit einer Plane die Kinderwagen vor dem Regen schützen. Als meine Schicht fertig war ging ich auch zum Kinderwagenparkplatz und musste mich auf die Plane stellen, damit diese nicht weggerissen wurde. Kurz vor 23.00 Uhr kamen auch die letzten Eltern, um ihre Kinderwagen abzuholen.

Tagebuch Berlin 2018; Jakob Etter

Tag 6; Gold für die Schweiz!

Die Temperatur hat sich fast halbiert. Von 38C° am Mittwoch sind für heute noch 20C° angesagt, also wieder Wetter für die langen Hosen. Unser Einsatz beginnt erst für die Abendsession.

Nach dem Morgenjogging brechen wir auf, um die Glaskuppel beim Reichstag zu besuchen. Leider war das Besucherkontingent für heute schon ausgebucht. Für Tickets am Sonntag mussten wir eine Stunde anstehen. Danach unternahmen wir einen Spaziergang im Tiergarten und genossen in einem Restaurant Kaffee mit Kuchen.

Um 17.00 Uhr meldet ich mich beim Team – Leiter zur Schicht bereit. Dieser hat schon eine „Vermisstmeldung“ aufgegeben, da wir ausnahmsweise bereits ein Stunde früher antreten mussten. Leider habe ich das Programm nicht genau studiert. Allerdings hat das noch lange gereicht, da die ersten Zuschauer erst m 17.30 Uhr ins Stadion kamen.

Für mich war wieder der gleiche Job wie am Vortag vorgesehen. Im Stadion konnte ich die Besucher empfangen und in „meinem“ Sektor den richtigen Plätze zuweisen. Dabei konnte ich die Wettkämpfe unmittelbar live miterleben. Kurz vor 21.00 Uhr der absolute Höhepunkt mit der Goldmedaille für die Schweiz. Lea Sprunger flog über die 400 m Hürden zum Sieg. 50‘000 Zuschauer standen im Stadion, schrien, tobten und liessen das Olympiastadion „kochen“.

Nach dem Sieg kamen meine Volunteer – Kolleginnen und – Kollegen zu mir und gratulierten zum Sieg wie wenn ich dafür etwas getan hätte. Nach dem Lauf begab sich Lea Sprunger mit der Schweizerfahne auf die Ehrenrunde, verteilte Küsschen und genau vor unserer Tribüne blieb sie stehen und winkte uns herzhaft zu. Ein solcher Augenblick ist einmalig und macht jedes Sportlerherz stolz, solches zu erleben. Das ist der „Lohn“ für die Freiwilligenarbeit bei diesem Anlass.

Am Samstag ist mein letzter Einsatz. Den Sonntag habe ich mir aufgespart um die Marathonrennen der Damen und Herren in der Innenstadt zu verfolgen. Wir sind alle gespannt, ob die Schweizer Marathonläufer den Erfolg von Amsterdam vor zwei Jahren mit der Goldmedaille im Teamwettkampf wiederholen können. Nach den letzten Wettbewerben am Abend im Stadion steigt eine Volunteerparty bis in die frühen Morgenstunden.

Tagebuch Berlin 2018; Jakob Etter

Tag 8; Der Vize-Europameister läuft mit meiner Fahne ins Ziel!

Der Samstag war unser letzter Einsatztag an den Leichtathletik Europameisterschaften 2018 in Berlin. Wie bereits an den ersten Tagen konnte ich meinen Dienst wieder vor dem Eingang tätigen und die Besucher mit dem Megaphon begrüssen und zu den Eingängen leiten. Es war beeindruckend aber gleichzeitig auch etwas beängstigend, wenn während 1 ½ Stunden gegen 70‘000 Besucher ins Olympiastadion strömen. Jede Person wird gecheckt, jede Tasche, jeder Rucksack untersucht. Trotzdem sind die Wartezeiten bei den zahlreichen Eingängen höchstens 15 Minuten. Das ist Deutsche Gründlichkeit. Dafür wurden insgesamt 2200 Helfer organisiert.

Zwischen unseren Diensten konnte ich kurz ins Stadion gehen und wichtige Entscheide mitverfolgen. Auch da wurde ich jedes Mal kontrolliert.

Bei der Rückkehr vermissten wir die Deutsche Gründlichkeit. Wir bestiegen die S-Bahn Richtung Stadt. Wir standen etwa 20 Minuten wie Sardinen im Zug bis über die Lautsprecher verkündet wurde, dass der Zug wegen technischer Störung nicht fahren könne. So mussten alle Passagiere aussteigen und sich in einen nächsten Zug quetschen. Gegen Mitternacht erreichten wir unser Quartiert und konnten doch noch einen Schlummertrunk genehmigen.

Der Sonntag war für uns frei. So konnte ich meine Lieblingsdisziplin, den Marathon in der Innenstadt ansehen. Wir suchten uns einen guten Platz direkt an der Strecke auf der Zielgeraden. Von hier aus konnten wir die Läuferinnen und Läufer bei jeder Start – Zielpassage sehen. Gleichzeitig konnten wir das ganzen Rennen auf Grossleinwand verfolgen. Die Marathonläufer mussten eine 10 km – Strecke vier Mal absolvieren. Die Schweizerin Martin Strähl lief ein mutiges Rennen und führte während rund 25 km das gesamte Feld an. Schlussendich lief sie als hervorragende siebte ins Ziel. Beim Männerrennen war Tadesse Abraham während dem ganzen Rennen in der Spitzengruppe anzutreffen bis der Belgier Koen Naert das Tempo forcierte und als Europameister ins Ziel lief. Kurz darauf bog Tadesse Abraham auf die Zielgerade ein, dutzende von Schweizerfahnen wurden geschwenkt. Abraham lief genau auch mich zu, nahm mir meine Schweizerfahne aus der Hand und lief damit als Vize-Europameister durchs Ziel. Noch Minuten später schwenke der „meine“ Schweizerfahne und lief zusammen mit seinem kleinen Sohn Ehrenrunden auf der Zielgeraden. Diesen emotionalen Moment macht mich stolz und den werde ich nie vergessen.

Am Abend konnten wir uns in Ruhe die letzten Wettkämpfe im Stadion anschauen. Dabei konnten wir aus Schweizersicht hautnah miterleben, wie nahe Freude und Endtäuschung sind. Fabienne Schlumpf erreichte im 3000 m Steeple – Rennen die Silbermedaille und kurz darauf musste sich die 4 x 100 m Staffel der Schweizer mit dem undankbaren 4. Rang zufrieden geben. Für Mujinga Kambundji blieb zum dritten Mal der 4. Rang an dieser EM.

Damit geht mein Einsatz als Volunteer an dieser EM zu Ende. Ich würde es wieder tun! Für mich waren es neue Erfahrungen. Ich lernte zahlreiche neue Freunde kennen, kam mit bekannten Sportlern und Sportkollegen in Kontakt, wir konnten in der Freizeit die Wettkämpfe ansehen, dazwischen hatten wir ausreichend Gelegenheit die Stadt zu besuchen. Eigentlich erachte ich diesen Einsatz als „Zwischenziel“ um mich als Volunteer für die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo zu qualifizieren.

Tagebuch Berlin 2018; Jakob Etter

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Close
Go top